51. Spielzeit | 2017/2018
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Warum dieses Theater?

Rüdiger R. Nenzel zum 25jährigen Bestehen des Theaters 1991

"Wozu werden Theater erbaut, Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf einen Platz geladen?" Der so fragte, 1768 (diese Frage wird bis heute immer wieder gestellt), wußte auch die geradezu exemplarische Antwort darauf - Gotthold Ephraim Lessing in seiner "Hamburgischen Dramaturgie": "Wenn ich mit meinem Werke und mit der Aufführung desselben weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, ungefähr auch hervorbringen würde. Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften auf einen so hohen Grad erreget werden."

Das Erregen von Leidenschaften und das Bewußtwerden der eigenen Realität als soziale oder kulturpolitische Aufgabe des Theaters? Ist diese Frage schon die Antwort auf die beiden anderen, immer wieder gestellten Fragen: "Was will das Theater?" und "Was soll das Theater?" Unterhält eine Kommune ein Theater - sei es eines mit eigenen Ensembles oder eines von Gastbühnen bespieltes, bleibe in der Betrachtung untergeordnet - dann stellt sich die Frage den Verantwortlichen aus den materiellen Anforderungen und den hieraus resultierenden Anstrengungen - wem es denn nütze, das Theater, auch: wievielen; und sie beantwortet sich aus den vermuteten oder bekannten immateriellen Bedürfnissen der Bevölkerung. Und so wurde und ist Theater bei uns zu Recht gemeinschaftliche Aufgabe. Aufgaben werden gestellt. Wer stellt sie dem Theater? Stadträte bewilligen die Zuschüsse, doch handeln sie im Auftrag? Die wirklichen Geldgeber sind die Steuerzahler. Jeder Bürger schießt dem Theater seiner Stadt einen errechenbaren Betrag zu. Aber geht jeder Bürger ins Theater?

Diese naheliegende Frage spitzt sich in der Beantwortung auf die Feststellung zu, daß Publikum und Bevölkerung nicht identisch sind, sein können. Die öffentliche Hand subventioniert im Theater eine Institution, die sich nicht z.B. mit der Schule (in die jeder gehen muß) vergleichen läßt. Eher mit der Hochschule. Oder dem Museum. Oder auch mit dem Stadion. Alle diese Institutionen werden unterhalten, damit ein Teil der Bevölkerung in den Genuß ihrer Einrichtung kommen kann. Bei den Hochschulen besteht zusätzlich ein öffentliches Interesse an Forschung und Ausbildung. Aber auch das Theater hat ja, da besteht Einverständnis, die Chance öffentlichen Interesses, da es der Kunst dient.

Entgegen verbreiteten Vorstellungen hatte es dieses schon von alters her. Perikles gab Freimarken aus, um den Minderbemittelten Athens den Besuch der Spiele zu ermöglichen. In Rom finanzierten die Ädilen (hohe Beamte) die Spiele, der Eintritt war frei. Im Mittelalter wetteiferten die Städte in der Ausrüstung der geistlichen Spiele. Die Reduzierung des Publikums auf Privilegierte (im barocken Hoftheater), oder auf Wohlhabende (in den Grand Operas des bürgerlichen Zeitalters) stellte in der europäischen Theatergeschichte nur ein knapp zweihundertjähriges Intermezzo dar. Heute ist unser Theater, gesellschaftlich gesehen, im Prinzip wieder Volkstheater. Dennoch waren weder in Athen, noch in Rom, noch im Mittelalter, auch nicht im Theater Shakespeares und Calderons, Publikum und Bevölkerung identisch. Niemals ging faktisch jeder Bürger ins Theater. Aber immer sollte jeder Bürger ins Theater gehen können, wenn er Lust dazu hatte.

Das ist der springende Punkt. Im Theater wird nicht eine Institution, sondern eine Lust subventioniert. Die Lust, ins Theater zu gehen, setzt nicht nur die Laune einer guten Stunde voraus, sondern auch einen Impuls, den nicht jeder besitzt. Und weil dieser Impuls weder an eine Klasse, noch an einen Bildungsgrad gebunden ist, wird er der Förderung für wert befunden.

Es ist keine Gemeinschaft, die sich da Abend für Abend als Publikum zusammenfindet. Es sind Einzelne, die ein gemeinsamer, oft unbewußter Impuls in das ihnen offenstehende, für sie unterhaltene Haus führt. Aber an dem Abend, an dem sie im verdunkelten Zuschauerraum beisammen sitzen, kann es geschehen, daß ihnen eine gemeinsame Freude, eine gemeinsame Ergriffenheit zuteil wird. Das ist der Kern und der Sinn aller Aufgaben, die dem Theater heute wie eh und je gestellt sind. Wenn das Publikum aus dem Theater in die nächtlichen Straßen zurückströmt, zerteilt es sich wieder in lauter Einzelne, die einander fremd sind. Aber, daß sie in jenem Moment gemeinsam erlebter Freude oder Ergriffenheit das Gleiche gefühlt oder erkannt hatten, beweist, daß Menschen noch immer zu verstehen und einander nahe zu sein vermögen, wenn in ihnen das angesprochen wird, worin wir alle Menschen sind.

Freilich ist die Lust ins Theater zu gehen in unserer Maschinen- und Massen-Welt kein ganz so unschuldiger Impuls mehr, wie sie es einstmals, in glücklicheren Zeitaltern, angeblich gewesen ist. Ohne Zweifel gehört sie in den Bereich des menschlichen Bedürfnisses, sich zu unterhalten oder unterhalten zu werden. Sie setzt sich in Widerspruch zu den Beschäftigungen und Nöten des täglichen Existenzkampfes, dem sie zu entfliehen sucht. Das Theater ist daher eine Stätte der Unterhaltung (mannigfachster Art) - und sollte nicht verkümmern zu einer der Belehrung, der Predigt, der Langeweile. Doch diese Art von Unterhaltung im Theater ist eine andere als diejenige der Apparate-Kultur von Film, Fernsehen und Video. Das Theater ist das Gegeninstrument gegen die pure Rationalität, gegen die anonyme Computer- und Clip-Kultur. Der fast totalen Passivität des Zuschauers vor den eindimensionalen, reproduzierten Medien steht im Theater jene relative Aktivität gegenüber, die der Zuschauer aufbringen muß, um den sich vor ihm im Augenblick, unwiederbringlich und daher einmalig, vollziehenden Einwirkungen gewachsen zu sein. Das Lachen und die Tränen, der Beifall und der Protest sind spontane Reaktionen, die auf diejenigen zurückwirken, die sie auf der Bühne hervorbringen. Menschen haben den Kontakt mit Menschen gefunden. Sie kommunizieren über spielerische Anschauung von Bildern. Im Spiel, auf der Bühne, zur Anschauung bringen, das heißt: nicht nur mit Wörtern oder Erfahrungen und Vorschriften, sondern mit Menschen argumentieren. Menschen sind der Gegenstand des Theaters.

Dieser einzigartige Vorgang, den kein Apparat synthetisch herstellen kann, verleiht dem Theater eine konkurrenzlose Vitalität. Im bildhaften Denken - und damit zugleich Spielen auf der Bühne - bildet und aktiviert sich die Phantasie. Das heißt etwas, denn unsere Bildung ist deswegen einseitig, weil sie so sehr eine Bildung des Verstandes, noch mehr: eine Ausbildung des Sachverstandes enthält, jedoch der Bildung der Phantasie, der Bildung der Gefühle, nur wenig Raum läßt. Der gleiche Stoff, die gleichen Worte, die gleichen Klänge, die gleiche Spannung werden an jedem Abend vor anderen (und andersgestimmten) Menschen (also einem immer wieder neuen Publikum) vorgespielt. Darin liegt die Forderung und das Glück des einzigen Abends: nur wenn das Stück so gespielt wird, als würde es zum ersten Mal gegeben, nur dann ereignet sich jene Spannung im Haus, welche die Chance der einzigartigen Vitalität des Theaters erfüllt.

Spannung entsteht auch da, wo Wettbewerb anstachelt. Das ist die Chance eines von Gastbühnen bespielten Theaters wie das Schweinfurts: Hier stellen sich die verschiedensten Bühnen einem unausgesprochenen Wettbewerb. Bestehen können vor einem Publikum, das in annähernd drei Jahrzehnten vergleichenden Sehens und Hörens kennerhaft gereift ist (und das in diesem Sinne ein kritisches ist), auf Dauer nur die, deren künstlerische Qualität hohen Maßstäben und Erwartungen gerecht werden. Das wissend, geben die Künstler, die Ensembles, Bühnen wie Orchester, gerade hier ihr Bestes - und so ereignen sich in diesem Schweinfurter Theater seit 25 Jahren, vielleicht häufiger ais anderswo, Abende, die einzig sind, weil die Künstler auf ein waches Publikum reagieren und sich so, jenseits des Spielens auf der Bühne, wechselseitige Spannung zwischen Bühne und Publikum abspielt. Solch unsichtbares, aber physisch spürbares zwischenmenschliches Wechselspiel vermag dann eine Atmosphäre zu schaffen, die einen Theater- oder Konzertabend als einmalig erleben läßt. Und wo immer auch nur ein in diesem Sinne einzigartiger Abend die Menschen ergreift, wann immer auch nur ein einziger Abend Freude, Ergriffenheit oder gar Erhebung in ein paar hundert Menschen auslöst, dabei jeden Einzelnen aus seiner Vereinzelung für einige Stunden in gemeinschaftliches Erleben versetzt, ist die erste und letzte Aufgabe erfüllt, die dem Theater gestellt ist - gestern, heute und auch morgen.

Das (...) Kaleidoskop aus 25 Jahren Schweinfurter Theatergeschichte, widerspiegelnd wie im Zeitraffer und ausschnittsweise sogar deutsche und internationale Theatergeschichte des letzten Vierteljahrhunderts, dokumentiert durch die Zeitzeugenschaft der Schweinfurter Zeitungen, wie lebendig es in unserem Schweinfurter Theater zuging. Und daß die Vielzahl einzigartiger Theatererlebnisse keine Chimäre eines Festtagslobredners ist, belegen die nachzulesenden Erinnerungen vieler Bühnen-Berühmtheiten. Daß dieses Theater (Erbauer Prof. Erich Schelling, Karlsruhe) zugleich ein optisch wie akustisch wunderbares Konzerthaus ist, weitgerühmt ob seiner vorzüglichen, oft weltbekannten Orchester und Solisten - z.B. kein geringeres als die Bamberger Symphoniker sind von Anbeginn auf dem Schweinfurter Konzertpodium wie zu Hause - das kann hier nur angedeutet werden, wäre gleichwohl einer ausführlichen Darstellung wert. Warum dieses Theater? Damit das Schweinfurter Publikum, ja die Schweinfurter Bevölkerung, so wünscht es uns der "Doyen" deutscher Schauspielkunst, Will Quadflieg, auch weiterhin "ein lebendiges, geistig anregendes Theater" haben möge. In diesem Sinne, in freundschaftlicher Reverenz für Dr. Günther Fuhrmann und vor "seinen" 25 Jahren Theater in und für Schweinfurt, setze ich fort: "Immer wieder etwas Neues, aber (mit) demselben impetus wie bisher."