51. Spielzeit | 2017/2018
Kartentelefon:
 (09721) 51 4955
 (09721) 51 0
Theaterkarten online
30-Tage-Vorschau
Kontakt & Anfahrt
Newsletter
Grußwort des Theaterleiters
Christian Kreppel am 01. November 2017
Liebe Theater- und Konzertfreunde!

Noch vor zwei, drei Jahren kam ich immer wieder an den Punkt, nicht zu wissen, wohin unsere Zukunft führen wird. Letztes Jahr war ich oft verzweifelt und wütend ob der aktuellen Geschehnisse in unserer Gesellschaft. Und jetzt stehen wir vor einem »Scherbenhaufen«: als Ergebnis der Bundestagswahl zieht die AfD als drittstärkste Kraft zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag ein – unter ihnen Rechtsradikale, Xenophobe und Menschen, die öffentlich den Holocaust leugnen. Unerträglich! In Sachsen ist die AfD nun die stärkste Partei, sie hat dort ihr bestes Ergebnis eingefahren. Und blicken wir auf die Wahlergebnisse in Österreich und in der Tschechei, wo in beiden Fällen ein klarer Rechtsruck zu verzeichnen ist. Wird das nun Alltag, was wir in den Niederlanden, Ungarn und Polen seit Jahren mit Schrecken beobachten können? Ich denke diese Tage immer wieder an Franz Grillparzer, der in einer dunklen Vision 1849 feststellte, dass sich »die deutsche Geschichte von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität« entwickle.

Ich erinnere an den Kahlschlag in der Hochkultur aber besonders in der freien Szene, der in den Niederlanden beim Regierungsantritt der Minderheitsregierung mit Geert Wilders rechtspopulistischer Partei ab 2010 geschehen ist. Unter dem Motto »Kunst ist doch nur ein linkes Hobby« wurden die Subventionen radikal gekürzt, die Mehrwertsteuer auf Theaterkarten von 6% auf 19% erhöht. In Ungarn und Polen wird besonders extrem und ganz offen unter der Missachtung des Grundgedanken der Freiheit der Kunst in diese eingegriffen und nach Willen der regierenden Rechtsaußen-Parteien gelenkt. Man will eine andere Kultur, die der jeweiligen Regierung. Gleichschaltung findet statt, unbequeme Theaterschaffende werden ausgetauscht. In unserer Heimat – Deutschland – stehen wir erst an einem Anfang und ich kann nur dringend darum bitten, auf allen Ebenen wachsam zu bleiben.

Man kann Heribert Prantl leider nur recht geben, der in der SZ vom 8.10.2017 schreibt: »Die Humanität ist wieder bedroht, massiv wie schon Jahrzehnte nicht mehr. Sie ist bedroht von gemeiner Rede und gemeiner Tat, von der Lust an politischer Grobheit, Flegelei und Unverschämtheit, von der Verhöhnung von Anstand und Diplomatie, sie ist bedroht von einer oft sehr rabiaten Missachtung des Respekts, der jedem Menschen zusteht, dem einheimischen Arbeitslosen, dem Flüchtling wie dem politischen Gegner.«

Was können wir gegen alle diese Entwicklungen tun: ich denke, nie die Hoffnung aufgeben und die Forderungen, die einem jeden Einzelnen von uns gestellt werden, annehmen und aktiv leben. Angst und Rückzug bringen uns nicht weiter, aber in unser täglichen Kulturarbeit dagegen arbeiten, aufklären und immer den Diskurs pflegen mit unserem Publikum. Ich verweise hier auf »Die Kraft der Hoffnung. Denkanstöße in schwierigen Zeiten«, eben jenes Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, ein hoch interessantes Buch zum Thema, das bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Und ein zeitloses Wort zu einem notwendigen und sinnvollen Miteinander zwischen unserer westlichen Kultur und der des Islam: Der Wiener Altkardinal Franz König sagte 2004 in einem Interview: »Wir müssen miteinander leben lernen, nicht nebeneinander. Wir haben so viele verschiedene Kulturen auf heimatlichem Boden. Dieser Reichtum darf nicht nivelliert werden; er muss das vereinte Europa prägen.«

Und wo bleibt wieder einmal das Theater und unsere ganz spezielle Welt des Gastspielwesens? Jahr für Jahr bemühen sich zu Saisonbeginn vordringlich die Sonntagsausgaben der Gazetten um das Thema Theater. So am 8.10.2017 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel »Das Theater ist uns teuer«. Dass mehr Menschen Jahr für Jahr in die Theater gehen als in die Stadien der Bundesliga (21 zu 13,3 Millionen in 2015/2016) ist erfreulich, aber keine wirkliche Neuigkeit. Auch dass Kultur ein Zuschussbetrieb ist, wissen wir alle. Ja, der Neubau der Elbphilharmonie hat 789 Millionen € gekostet, die Sanierung der Städtischen Bühnen Frankfurt soll 889 Millionen € kosten. Mir ist das aber alles zu weit weg und zu groß. Mich bewegen vielmehr Nachrichten, dass – obwohl es vielen Gemeinden und Städten gegenwärtig wirtschaftlich besser geht – traditionelle Gastspielhäuser von Heute auf Morgen geschlossen werden.

Von alledem erleben wir in der kulturell blühenden Industriestadt Schweinfurt nichts. Ein Glücksfall, dass hier seit Jahrzehnten der Boden sozusagen mit »kulturellem Humus vielfältig gedüngt« wurde. Das starke Angebot der städtischen wie auch freien Kultur zieht regelmäßig auch Menschen aus den Landkreisen und weit darüber hinaus zu uns, was unerlässlich ist und auch immer wieder eine schwere Aufgabe bleibt, denn man muss immer wieder neue Anreize schaffen.

Im Theater wollen wir auf höchst möglichem Qualitätsniveau immer aufs Neue Geschichten erzählen, kreative Anreize schaffen und Platz für Emotionen ebenso wie intellektuellen Diskurs in einer breiten Vielfalt schaffen und das für alle Generationen. Dieses Credo habe ich mir vor 12 Jahren auf die Fahnen geschrieben und beharre mit Konsequenz darauf!

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen!

Ihr Christian Kreppel | Theaterdirektor
am 01. November 2017